Jedes Verhalten hat einen Gewinn … und einen Preis

So einfach und offensichtlich wie diese Aussage klingt, so weitreichend kann sie auch als Grundlage einer weitreichenden Analyse menschlichen Verhaltens genutzt werden. Der zentrale Baustein dieser Aussage, welchen wir hier näher behandeln möchten ist “jedes Verhalten”. Mit Hilfe eines einfachen Analyseschemas möchten wir zeigen, dass wirklich jedes Verhalten einen Gewinn mit sich bringt.

Wenn wir uns einmal überlegen, welche Tätigkeiten wir so über den Tag verteilt planen und erledigen, ergibt sich häufig schnell ein Bild davon, wie dieser Gewinn aussehen könnte.
Gehen wir zum Sport, möchten wir vielleicht an unserer Fitness arbeiten oder verfolgen das Ziel, welches wir am Sylvester-Abend mit uns selber ausgemacht haben, dieses Jahr abzunehmen. Legen wir uns abends ins Bett, so möchten wir eventuell die Zeit nutzen, um uns noch ein wenig zu bilden oder wir möchten mit einem spannenden Buch in eine “andere Welt flüchten”. Gehen wir nach der Arbeit noch schnell in den Supermarkt möchten wir uns vielleicht abends an einem leckeren Essen erfreuen.
Dieses alltägliche Verhalten zeigt auf einfache Weise, dass wir nicht einfach zwecklos handeln, sondern jedes unserer Verhaltensweisen an einen Gewinn gekoppelt ist.

Möchten wir diese Verbindung einmal genauer betrachten, dann lohnt es sich, eine Technik aus der Verhaltenspsychologie zu nutzen: das SORCK – Modell. Die einzelnen Buchstaben stehen hierbei für einzelne Bausteine, welche einbezogen werden sollen:

S – Situation: Es wird hier EINE Situation beschrieben. Dies möglichst genau und präzise

O – Organismus: Genauere Informationen zur Person, dem Organismus, welche diese Situation erlebt.

R – Reaktionen. Diese finden immer auf emotionaler, physiologischer, körperlicher und kognitiver Ebene statt.

C – Consequenz. Konsequenzen können nicht nur positiv oder negativ sein, sondern es wird genauer hingeschaut, ob diese kurz- oder langfristig vorkommen. Wieso dies unbedingt berücksichtigt werden muss, wird im nächsten Abschnitt deutlich. Die Verwendung des englischen Namen führt lediglich dazu, dass das Modell nicht SORKK-Modell heißt.

K – Kontingenz. Da wir hier nicht  Laborbedingungen, sondern von realen Situationen im Alltag, können wir diesen Baustein außer Acht lassen.

Lassen Sie uns nun gemeinsam ein Beispiel analysieren:

SituationUm mein Körpergewicht zu reduzieren und bewusst abzunehmen, hat Person A am vergangenen Montag 90min Sport ins Fitnesstudio betrieben.
Organismus34 Jahre alt, leicht übergewichtig, wenig Erfahrung mit Fitness
Reaktionen
körperlichBewegung, Heben von Gewichten, Fahren auf dem Fahrrad
physiologischKontraktion und Dehnung der Muskulatur
emotionalNervosität, Anspannung
kognitiv“Ich muss durchhalten”, “Ich will mein Ziel erreichen”
Consequenzen
kurzfristignegativ: Gefühl von Anstrengung und zeitweise Überforderung
negativ: Unwohlsein in ungewohnter Umgebung
positiv: Gefühl, den “inneren Schweinehund” besieht zu haben
negativ: Muskelkater
langfristigpositiv: Körpergewicht nimmt ab
positiv: Ausdauer und Fitness steigen

An diesem Beispiel wird deutlich, dass der Gewinn (positive Konsequenzen) und der Preis (negative Konsequenzen) nicht unabhängig voneinander auftreten, sondern in einer einzigen Situation gemeinsam auftreten können. Kurzfristige negative Konsequenzen und langfristige positive Konsequenzen sind ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, ein Ziel zu visualisieren, harte Zeiten durchzustehen, den “inneren Schweinehund” zu bekämpfen, um sich einen langfristigen Gewinn zu sichern.

Doch wie sieht es aus, wenn langfristige Konsequenzen hauptsächlich negativ sind, und der Gewinn nur kurzfristig ist?

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Nicht nur wenn man sich mit psychischen Störungen beschäftigt, sondern auch, wenn man manches Verhalten im Alltag bei Mitmenschen beobachtet, kommt man an den Punkt, dass man sich fragt, welche Intention und welches Ziel mit diesem Verhalten beabsichtigt wurde. Sie werden es sich wahrscheinlich schon denken: auch diese Person erfährt einen Gewinn mit dem Verhalten.

Lassen Sie uns hierzu drei Beispiele näher betrachten:

Aggressives Verhalten

SituationPerson A fühlt sich von Person B, worauf Person A mit Gewaltandrohung reagiert
OrganismusMann, 28 Jahre alt, körperlich stark
Reaktionen
körperlichHeben der Hand, ballen einer Faust, Herantreten an Person B
physiologischAnspannung
emotionalAggression, Wut
kognitiv“Was glaubt der, wer er ist, mich so anzuschauen”
Consequenzen
kurzfristigpositiv: durch Rückzug von Person B kein weiteres Gefühl der Beobachtung
positiv: Dominanz gezeigt
langfristignegativ: Aggression jedes Mal bei Gefühl der Beobachtung
negativ: Verlust sozialer Kompetenzen

Resignation in der Schule

SituationBei Ansprache durch die Lehrerin reagiert Schüler XY mit Verweigerung
OrganismusJunge, 8 Jahre alt
Reaktionen
körperlichArme überschlagen, zurücklehnen mit dem Körper, Abwenden des Blickes
physiologischAnspannung, Nervosität
emotionalAngst
kognitiv“Wenn ich was Falsches sage, werde ich mich blamieren”, “Bloß nichts Falsches sagen”
Consequenzen
kurzfristigpositiv: keine Blamage
langfristignegativ: wird im Unterricht nicht berücksichtigt, um gefördert zu werden/ Fehler werden nicht korrigiert und verfestigen sich
negativ: Hemmschwelle, sich zu melden, steigt

“Frust-Essen”

SituationNach Streit mit der Ehefrau über die Urlaubsplanung zieht sich Herr M mit einer Packung Chips zurück
OrganismusMann, 45 Jahre alt
Reaktionen
körperlichRückzug, Weggehen
physiologischAnspannung
emotionalWut, Gefühl der Nicht-Berücksichtigung
kognitiv“Nie wird gemacht, was ich gerne möchte”, “Immer wird das gemacht, was meine Frau möchte”
Consequenzen
kurzfristigpositiv: kein weiterer Konflikt
positiv: Stress und Anspannung nehmen ab
langfristignegativ: Zunahme des Gewichts
negativ: Abnahme der Konfliktkompetenz

An den oben dargestellten Beispielen lässt sich einfach und gleichzeitig deutlich erkennen, dass wir in manchen Situation auch einen kurzfristigen Gewinn akzeptieren, obwohl wir uns teilweise bewusst sind, dass mittel- und langfristig negative Konsequenzen auf uns zukommen. Teilweise sind diese Verhaltensweisen beinahe ritualisiert und treten in entsprechenden Situationen, mit einer sehr hohen Zuverlässigkeit, immer wieder auf. Diese Verhaltensmuster können soweit in uns verankert sein, dass wir jedes Mal die negativen Konsequenzen in Kauf nehmen.
Der Grund hierfür ist hauptsächlich unser Gehirn, welches stetig auf der Suche nach Belohnung ist. Langfristige Ziele dürfen deshalb nicht aus den Augen verloren werden, um sich einer späteren Belohung bewusst zu werden.

Quellen:

Kanfer, F.H. & Saslow, G. (1976). Verhaltenstheoretische Diagnostik. In D. Schulte (Hrsg.), Diagnostik in der Verhaltenstherapie (S. 24–59). München: Urban & Schwarzenberg.

Kanfer, F.H. & Saslow, G. (1969). Behavioral diagnosis. In C.M. Franks (Ed.), Behavior therapy: Appraisal and status. New York: McGraw-Hill.

Wie das eigene Verhalten ändern?

Eine Möglichkeit, unerwünschtes Verhalten zu verändern, indem Sie selber eine andere Perspektive auf dieses Verhalten einnehmen, bietet das Coaching. Hier analyisieren Sie mit Ihrem Coach das Verhalten detailliert und erarbeiten gemeinsam neue Lösungen.
Sollten Sie selber Interesse haben, sich mit einem Coach professionell neuen Herausforderungen zu stellen, können wir Ihnen gerne behilflich sein.

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